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(GZ-22-2025 - 20. November)
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Die Nudel bleibt

Heute muss ich mit einer für Bayern nicht so guten Nachricht beginnen: Der künstlerische Nachlass von Bernhard-Viktor Christoph-Carl (Rufname Vicco) von Bülow, besser bekannt als Loriot, verlässt den Freistaat, um künftig dauerhaft in Frankfurt am Main aufbewahrt und gepflegt zu werden. Schade, denn Loriot lebte fast vier Jahrzehnte am Starnberger See und war trotz seiner preußisch-exakten Sprache uns Bayern doch mit seinem anarchisch-witzigen Werk viel näher als allem Norddeutschen.

Nun mag man es im Sinne des gesamtdeutschen Anspruchs dieses Künstlers als angemessen empfinden, wenn sein Werk weder in der brandenburgischen Geburtsstadt dieses Sprosses eines berühmten preußischen Adelsgeschlechts, noch in der idyllischen ammerlander Wahlheimat seinen Bestimmungsort findet, sondern halbwegs in der Mitte zwischen München und Berlin, in einer Stadt, die gleichsam Brücke zwischen Nord und Süd sein kann.

Bezeichnend ist, dass der Verbleib des Nachlasses dieses großen Menschenbeobachters auch fast eineinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod eine Nachricht ist, die es in die Tagesschau und die Feuilletonseiten schafft. Das spricht dafür, dass sein Humor ebenso wie seine Sujets zeitlos sind und auch heute noch ansprechen.

Wer kennt sie nicht, die Hildegard, die mit zunehmender Irritation und ohne ein Lächeln zu verziehen die Bemühungen eines älteren Galans verfolgt, sie in eine Beziehung zu locken, wäh-rend er mit einer Nudel kämpft, die mal an seinem Finger, mal an seiner Wange, mal an seinen Augenbrauen klebt und die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht. Echt tragisch. 

Auch für die Gegenüberstellung von Chaos und Ordnung wählte der Meister ein Nudelbild. So zeichnete er einst zwei Knollenmännchen nebeneinander, ordentlich mit A und B gekennzeichnet. Der eine wickelt die Spaghetti genussvoll mit zwei Gabeln auf und appliziert sie sich in den Mund, der andere hat die Langnudelsorte ordentlich auf dem Unterarm aufgereiht und isst eine Nudel nach der anderen. Die Botschaft ist klar: Ordnung widerspricht dem Genuss.

Gerne denkt man auch an den Moment alt-bundesrepublikanischen Stolzes, als ein würdiger Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums die volkswirtschaftliche Bedeutung der deutschen Krausbandnudel hervorhebt und berichtet, dass in Deutschland mehr Rohnudelmasse vernudelt würde als sonst wo in der Welt.

Man fragt sich natürlich, warum gerade die Nudel eine so herausragende Bedeutung im Œuvre dieses begnadeten Künstlers spielt. Vielleicht, weil die Nudel ein Wahrhaft universalistisches Lebensmittel ist, dessen Verzehr in so gut wie allen Kulturen üblich ist. Archäologische Funde in China beweisen, dass Menschen schon vor mehr als 4000 Jahren Nudeln hergestellt haben. Seither hat sie einen unaufhaltsamen Siegeszug über die Welt angetreten.

In einem übertragenen Sinn könnte man sagen, dass die Nudel mehr als ein Sattmacher ist, sondern sie in unserer komplexen Welt die Menschen mehr verbindet als trennt. So vielgestaltig sie auch sein mag, wenn sie die menschliche Fantasie in langer runder dünner, langer runder dicker, langer schmaler oder langer breiter Form modelliert, ob in Form einer Muschel, als Krausbandnudel, Schleifchen oder Röhre – sie erinnert uns daran, dass die Menschheit mehr verbindet als trennt.

Weltumspannend sind natürlich auch Burger und Pizza, aber eben auch langweilig gleichförmig. Die Nudel kann je nach Tradition mit oder ohne Ei hergestellt werden, aus Weizenmehl oder Bucheckern, mit einem Schuss Öl oder eben nicht. Die Nudel ist offen, bereit für Veränderung, individuell und bringt die Menschen zusammen. Ist das nicht eine herrliche Metapher für die Kunst?

Und was kann uns der Künstler Loriot heutzutage noch sagen? Urteilen Sie anhand zweier Sätze: „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen. Idioten suchen nach Schuldigen.“

Ihr Pino

Pino

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