| (GZ-23-2025 - 4. Dezember) |
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Empörung first, Realität späterDie Politik in Deutschland ist doch wirklich eigenartig hysterisch. Kaum spricht der Bundeskanzler in einem zugegebenermaßen der Diskussion um irreguläre Zuwanderung zugehörigen Kontext die harmlosen Worte „aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“ und schon rastet die lautstarke linke Minderheit der Republik aus. Deutschland hat doch eigentlich ernste Probleme: An der Ostgrenze der Europäischen Union tobt ein mörderischer Krieg, der möglicherweise in eine Kapitulation der freien Welt mündet, jeden Tag fliegen über unseren Köpfen hinweg Drohnen unbekannter Herkunft, stündlich werden IT-Infrastrukturen durch Hackerbanden aus den vier Autokratien Russland, China, Nordkorea und Iran angegriffen, die fünfte Kolonne Moskaus rühmt in den Parlamenten das billige Öl und Gas aus Russland, die Wirtschaft liegt am Boden, die Sozialsysteme sind ineffektiv und werden unbezahlbar. Aber wenn der Kanzler das artikuliert, was laut Umfragen eine Mehrheit der Deutschen so empfindet, nämlich die Entfremdung von ihrer vertrauten Umgebung, dann rollt die Empörungsflut über das Land. Von Aufmerksamkeitsunternehmerinnen, die mit radikaler Klimahysterie nicht mehr so recht punkten können, bis zu einem Altbundespräsidenten, dessen Namen kaum mehr jemand kennt, fühlte man die Verpflichtung, sich Sorgen um die politische Kultur zu machen. (Mäßig besuchte) Kundgebungen, flammende Apelle und weinerliche Stellungnahmen hoben den Satz in die Sphäre einer staatsgefährdenden Äußerung. Auf dem Höhepunkt der Erregungswelle dann die Ansage, nicht Ausländer, sondern „die Männer“ seien das Problem, wenn es um die Sicherheit in unseren Städten geht. Damit war klar: Es gibt Sicherheitsprobleme in unseren Städten – ob die pauschal so bezeichneten „Männer“ nun Migrationshintergrund haben oder nicht. Nun sind Sicherheitsprobleme ein sicherlich wichtiger Aspekt, auch wenn manche Zusammenrottung von Undercut-Posern eher lächerlich als gefährlich ist. Grundsätzlich liegt die Sicherheit in den Städten bei unserer Polizei in guten Händen und waschechte no-go-areas gibt es in Bayern doch eher nicht. Aber es gibt dennoch das Gefühl der Entfremdung der Leute im städtischen Umfeld. Klar, die romantische deutsche Fachwerkpuppenstadt kann nicht die Endstation unserer Sehnsüchte sein, auch wenn es Frankfurt mit der Rekonstruktion der Römer-Bebauung versucht hat. Tatsächlich ist das Bild unserer aus den Ruinen des Bombenkriegs entstandenen Städten einschließlich der Bausünden der Nachkriegszeit unbestritten akzeptiert und dort, wo noch alte Bausubstanz überdauert hat, auch und gerade in kleineren Städten, wird sie renoviert, gepflegt und als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart hochgeschätzt. Dennoch hat sich im Laufe der letzten Jahre etwas verändert. In vielen Städten, und das beileibe nicht nur in den notorisch berüchtigten Bahnhofsgegenden von Frankfurt, Bremen oder Berlin, haben sich Verwahrlosungstendenzen breit gemacht. Sichtbare Wohnungslosigkeit, Drogenkonsum und Bettelei haben zugenommen oder werden stärker wahrgenommen. Graffiti verunzieren mehr Wände, Türen und Verteilerkästen und werden später oder manchmal sogar gar nicht mehr beseitigt. Trotzdem sich die Deutschen (zu Unrecht) rühmen, Recyclingweltmeister zu sein, landet immer mehr Müll achtlos auf den Straßen. Und sogar beim Straßenbegleitgrün gewinnt man manchmal den Eindruck, es würde nicht mehr so vielfältig, bunt und artenreich angelegt wie früher, sondern stünde mehr und mehr unter dem Vorzeichen der Pflegeleichtigkeit wegen Budgetkürzungen. Dazu kommt natürlich, dass Städte sich in ihrem Gesicht angleichen durch die immer stärkere Dominanz von Einzelhandelsketten, Barbershops und Nagelstudios. Wir brauchen eine Renaissance der Städte nach dem Motto des Journalisten Herb Caen: „Der Maßstab einer Stadt ist nicht ihre Größe, sondern die Größe ihrer Visionen und Träume.“ |
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Ihr Pino
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