Zwischen Ortskernsanierung, Schwimmbad und ehemaliger Kaserne: Wie Lenggries’ Bürgermeister seine XXL-Gemeinde zusammenhält - Ein GZ-Gespräch mit Stefan Klaffenbacher
von Constanze von Hassel

243 Quadratkilometer Gemeindefläche, sieben Feuerwehren, ein sanierungsbedürftiges Schwimmbad, eine leerstehende Kaserne und immer neue Förderprogramme: In Lenggries jongliert Bürgermeister Stefan Klaffenbacher mit einer Aufgabenfülle, die eher nach Kleinstadt als nach ländlicher Gemeinde klingt. Der Feinwerkmechanikermeister und Vollblut-Kommunalpolitiker versteht sich dabei vor allem als „Handwerker im Rathaus“ – mit einem klaren Blick für Machbares und einem besonderen Vertrauen in Ehrenamt und kurze Wege.
Als Stefan Klaffenbacher 2020 zum Bürgermeister von Lenggries gewählt wurde, ahnte er, dass Förderkulissen und Formulare dazugehören würden. Dass sich aber ganze Projekte über Jahre durch Bundes- und EU-Verfahren hangeln, hat selbst den pragmatischen Feinwerkmechanikermeister überrascht. „Die Förderkulisse ist leider oft sehr, sehr umfangreich“, sagt er. Landesprogramme seien noch handhabbar, Bundesförderungen deutlich komplizierter und EU-Förderungen wie LEADER „fast nicht mehr umsetzbar“. Für Klaffenbacher ist das kein Randdetail: In einer finanzschwächeren Flächengemeinde hänge inzwischen fast jedes größere Projekt an der Frage, ob und wie Fördergelder erreichbar sind.
XXL-Gemeinde mit sieben Feuerwehren
Lenggries ist flächenmäßig die größte Gemeinde Bayerns: rund 243 Quadratkilometer, eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 35 Kilometern, über 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Topographie diktiert Strukturen, die viele Kolleginnen und Kollegen aus kompakteren Gemeinden kaum kennen: sieben Feuerwehren mit rund 480 aktiven Einsatzkräften sichern die langen Wege. Die größte Stützpunktwehr bringt es allein auf etwa 120 Aktive, weitere Viertelswehren liegen bei rund 100 Feuerwehrleuten.
Dass die Gemeindeverwaltung diese Wehren gut ausstattet, ist für Klaffenbacher selbstverständlich, auch, weil er weiß, wie stark das Ehrenamt das Gemeinwesen trägt. „Wir haben unglaublich mannschaftsstarke Feuerwehren“, sagt er nicht ohne Stolz.
Wirtschaftlich steht Lenggries auf drei Säulen: Landwirtschaft auf großer Fläche, ein sehr starker Tourismus mit rund 300.000 Übernachtungen im Jahr sowie eine solide Handwerks- und Gewerbestruktur mit vielen familiengeführten Betrieben. Ein großer Industriebetrieb fehlt, für Klaffenbacher eher Vorteil als Risiko: „Wir sind nicht von einem einzigen Player abhängig, unsere Struktur hat sich krisenfest bewährt.“
Vom Handwerksbetrieb in den Sitzungssaal
Beruflich kommt der Bürgermeister aus der Praxis: gelernter Feinwerkmechaniker, zweite Ausbildung zum Bürokaufmann, Meister im Feinwerkmechanikerhandwerk, zuletzt in der Arbeitsvorbereitung eines mittelständischen Betriebs mit 15 Mitarbeitenden – Programmierung, Kalkulationen, Kundengespräche. Heute sitzt sein ehemaliger Chef im Gemeinderat, und Klaffenbacher bringt die Logik des lösungsorientierten Handwerks in die Kommunalpolitik: Projekte sollen am Ende sichtbar sein, funktionieren und einen Mehrwert stiften.
Politisch ist er seit vielen Jahren aktiv, parteiunabhängig, aber klar verortet in der kommunalen Sachpolitik. Im Gemeinderat arbeiten Freie Wähler, CSU, SPD und eine unabhängige Fraktion nach seinen Worten „unglaublich konstruktiv“ zusammen. Parteipolitik spielt allenfalls im Wahlkampf eine größere Rolle.
Schule und Ganztag
Wie viele Gemeinden steht Lenggries mit wachsenden Schülerzahlen vor einem steigendem Betreuungsbedarf. Zwei Grundschulstandorte – Wegscheid und Lenggries – sowie eine Mittelschule mussten zuletzt mit Mehrzweckräumen als Klassenzimmern improvisieren. Zuzug und Asylzuwanderung haben die Kapazitäten zusätzlich an Grenzen gebracht.
Bei der Mittagsbetreuung ist die Gemeinde vom Provisorium zur strategischen Lösung unterwegs: Ausgehend von einer Containeranlage mit zunächst etwa 50–60 Plätzen steht nun ein Ausbau auf rund 200 Betreuungsplätze bevor. Statt eines alleinstehenden Neubaus auf der „grünen Wiese“ hat sich Lenggries für einen Anbau an die bestehende Schule entschieden. Teurer in der Investition (rund 7,9 Mio. Euro statt 3,8 Mio. Euro), aber mit deutlichen Mehrwerten: zusätzliche Klassenräume, eine bislang fehlende Aula, Essensversorgung und die Möglichkeit, Betreuungsräume und Klassenzimmer in Doppelnutzung flexibel zu belegen.
Klaffenbacher plant bewusst nicht in Richtung theoretischer „80 Prozent Ganztagsquote“, sondern orientiert sich an der realistischen Nachfrage: 200 Plätze entsprechen etwa 45 Prozent der Grundschüler. Dennoch schafft der Anbau Reserven, um perspektivisch weiter zu wachsen, ohne gleich wieder neu bauen zu müssen.
Kostenlawine Schwimmbad
Ein zentraler Sorgen- und Herzensfall ist die „Isarwelle“, das kommunale Schwimmbad mit Schulschwimmbereich, 25-Meter-Becken, Freizeitinnen- und -außenbecken, Whirlpool/Hotpot und Kinderbereich. Die Technik im Keller ist 30 bis 50 Jahre alt, die übliche Lebensdauer also deutlich überschritten. Ein Sanierungskonzept liegt seit 2016 in der Schublade, um bei passenden Programmen schnell antragsfähig zu sein.
Die Zahlen sind eindrucksvoll: Die Sanierung wird derzeit auf rund 19 Mio. Euro geschätzt; vor fünf Jahren lagen die Kosten noch bei etwa 12 Mio. Euro. Über ein Bundesprogramm zur Sanierung kommunaler Sportstätten könnten maximal 8 Mio. Euro gefördert werden, bei einer bundesweiten Fördersumme von 333 Mio. Euro und 3.600 eingegangenen Anträgen. Parallel wäre eine FAG-Förderung für den Schulschwimmbereich kombinierbar. Selbst im Idealfall bliebe der Gemeinde eine hohe einstellige Millionensumme, plus ein dauerhaftes Betriebsdefizit, das heute bereits bei 700.000 bis 900.000 Euro jährlich liegt.
„Ohne Förderung ist es nahezu aussichtslos“, sagt Klaffenbacher offen. Zugleich ist für ihn klar, dass ein Rückzug aus dem Bäderbetrieb keine echte Option ist, weder für den Schulsport noch für die Lebensqualität im ländlichen Raum und den Tourismus.
Kaserne: Ein kommunales Zukunftsquartier
Ein weiteres Großprojekt mit langen Schatten ist die ehemalige Kaserne, von der seit 2003 große Teile leer stehen. Die Gemeinde besitzt dort rund 12,5 Hektar, inklusive denkmalgeschützter Unterkunftsgebäude, Schlepphallen, Werkstattgebäude und Sportplatz. Lange setzte man auf den „einen großen Investor“, der das Areal komplett entwickelt. Heute rückt die Gemeinde von dieser Hoffnung ab und denkt stärker in Etappen und eigenen Nutzungskonzepten.
Geplant sind Gewerbeflächen und ein zukunftsfähiger, verlegter Bauhof, ein möglicher Handwerkerhof für junge Betriebe, eine wiederbelebte Sporthalle in einer ehemaligen Exerzierhalle, Angebote für Jugendliche (Pumptrack, Multifunktionsplatz, Begegnungsflächen), eine Kindertagesstätte sowie Wohnraum, insbesondere bezahlbarer Wohnraum für Fachkräfte im sozialen Bereich und Einheimische.
Die Nachfrage ist groß: Bereits das letzte gemeindliche Gewerbegrundstück war 2020 mit 30 Bewerbern heftig umkämpft, neue Flächen gibt es derzeit nicht.
Ortskern, Wald und Wärmeplanung
Trotz wachsender Herausforderungen verfügt Lenggries über einen lebendigen Ortskern mit vielfältigem Einzelhandel, vom Trachtengeschäft bis zum Lebensmittelmarkt, mit Parkplätzen vor der Tür. Dass viele Kundinnen und Kunden bewusst aus umliegenden Städten nach Lenggries kommen, ist für Klaffenbacher ein klarer Auftrag, die Ortsmitte weiter aufzuwerten.
Mit Unterstützung der Städtebauförderung wurden bereits mehrere Straßenzüge barrierearm umgebaut, Leitungen erneuert und die Aufenthaltsqualität gesteigert. Weitere Abschnitte in Marktstraße, Kirchplatz und Bahnhofstraße sollen folgen, immer im Spannungsfeld zwischen Notwendigkeiten, Förderbedingungen und Haushaltsrealität. Städtebauförderung ist für den Bürgermeister ein Beispiel für ein gut funktionierendes, vergleichsweise unbürokratisches Instrument.
Prägend für Lenggries ist zudem der Wald: Rund 60 Prozent der Gemeindefläche sind bewaldet. Klaffenbacher bewirtschaftet privat selbst rund 31 Hektar Wald und 27 Hektar Grünland. Der Gemeindewald soll nach Möglichkeit regional verwertet werden, etwa durch Nutzung des Holzes bei kommunalen Bauten oder in einem Blockheizkraftwerk. Kurze Lieferketten und nachhaltige Bewirtschaftung sind ihm wichtig.
Bei der kommunalen Wärmeplanung ist der Bürgermeister zurückhaltend: Er erkennt den Informationsnutzen für Bürger und die Chancen für private Nahwärme-Initiativen. Mehrere Netze sind bereits entstanden, ein weiteres in Planung. Gleichzeitig warnt er vor falschen Erwartungen. „Viele Bürgerinnen und Bürger lesen in der Wärmeplanung ihr Gebiet als Nahwärmegebiet und fragen dann, wann die Gemeinde das Netz baut. Aber wir können keine 240 Quadratkilometer mit Nahwärme überziehen.“
„Wir müssen unsere Kosten auch decken dürfen“
Was wünscht sich ein Bürgermeister wie Klaffenbacher von Bund und Land? Weniger Symbolpolitik, mehr Verlässlichkeit bei der Finanzierung. Er hätte gerne, dass diejenigen, die den Kommunen Aufgaben übertragen, auch die vollen Kosten tragen, und zwar dauerhaft und planbar.
Bürokratieabbau? Da ist der Lenggrieser Realist: „Ich glaube, daran glaubt kaum noch jemand ernsthaft.“ Zu groß ist der Kontrast zwischen Versprechen und Realität, etwa beim Breitbandausbau, bei dem zwischen Förderbescheid und tatsächlichem Anschluss schnell sieben Jahre vergehen können.
Was ihn trotz allem motiviert, sind die fertigen Projekte: eine neu gestaltete Straße, ein funktionierendes Pflegeheim, ein lebendiger Ortskern. „Wenn man am Ende sieht, was man für die Bürgerinnen und Bürger geschaffen hat – das ist das, wofür man das alles macht.“