| (GZ-19-2025 - 9. Oktober) | ||
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Im Vergleich zu früher leben die Menschen in unseren Breitengraden geradezu relaxt. „Vor allem für Frauen und Kinder war das Leben einst sehr hart”, sagt Candida Sisto. Doch obwohl es die Menschen heute dank Technik einfacher haben, gibt es eine Menge Probleme zu bewältigen. Dabei kann der Blick in die Geschichte helfen, so die Leiterin des Ortschronikprojekts „1000 Jahre Mering” vom context Verlag in Augsburg. Vor drei Jahren erschien das 732 Seiten starke Geschichtswerk.
Die Entscheidung ist vergleichsweise schnell getroffen: Lasst uns der Geschichte unseres Ortes nachgehen! Die Umsetzung hingegen stellt sich in vielen Fällen als schwieriger heraus denn gedacht. Doch es gibt Hilfe. So bietet die „Schule der Dorf- und Landentwicklung Thierhaupten” (SDL) Seminare zur lebendigen Gestaltung von Ortschroniken an. Mitte September fand die Fortbildung neuerlich statt. Mit 29 Teilnehmern war sie ausgebucht. „Seit der ersten Umsetzung stößt unser Seminar auf große Resonanz”, sagt SDL-Geschäftsführerin Theresa Schäfer.
Werkzeugkasten
Das Thierhauptener Bildungsangebot befördert Teilnehmern zufolge das Wissen über die Erstellung einer Ortschronik ungemein. Vermittelt wird zum Beispiel, wie man historisches Material strukturiert, welche Schwerpunkte man setzen sollte und welche Themen unbedingt in eine Ortschronik gehören. Lebhaft diskutiert wird bei den Seminaren in aller Regel auch über den Umgang mit der NS-Zeit. Bildrechte sind ein weiteres, wichtiges Thema: Welche Fotos und Dias dürfen verwendet werden? Wie verhält es sich mit den Persönlichkeitsrechten?
Das Seminar, ist Bürgermeister Norbert Riepl aus Oberschweinbach (Landkreis Fürstenfeldbruck) überzeugt, wird zum Erfolg der von ihm koordinierten Ortschronik beitragen. Man sei zwar inzwischen schon relativ weit. „Aber in dem Seminar konnte ich noch einmal prüfen, was wir richtig gemacht haben und was wir auf jeden Fall noch anpassen müssen, bevor wir unsere Chronik in Druck geben”, so der Seminarteilnehmer. Gelernt habe er, wie viel Zeit man sich durch eine gezielte Quellenrecherche erspart: „Ich kann das Seminar nur empfehlen.“
Engagierte Laien
Man muss nicht in höheren wissenschaftlichen Sphären schweben, um eine Ortschronik erstellen zu können. Vielerorts sind historische Laien engagiert. Für den Markt Pöttmes möchte Angela Heinrich-Jung eine Ortschronik verfassen. „Ich habe über Jahre viel Material gesammelt, mir beigebracht, wie man alte Schriften entziffert und wie man im Archiv recherchiert”, erzählt sie. Das Seminar der SDL habe ihr geholfen, einen roten Faden durch die von ihr geplante Chronik zu finden. Und es habe sie ermutigt, sich als Laiin nun wirklich zu trauen, die Idee einer lokalen Chronik umzusetzen.
Die Gemeinde Mering schuf sich mit dem Augsburger context Verlag und dem Münchner Kulturwissenschaftler Stefan Breit eine stabile Basis für die Erarbeitung ihrer Chronik. 2018 stieg der Verlag ein. Damals lief das Chronik-Projekt bereits drei Jahre: Am 30. Juli 2015 hatte der Meringer Marktgemeinderat beschlossen, eine Chronik erstellen zu lassen. „Wir haben dann später aus der Zeitung davon erfahren”, berichtet Lektorin Candida Sisto. Der Verlag nahm Kontakt zur Gemeinde auf. So kam es zur Kooperation. Gerade mit Candida Sisto konnte dem Projekt viel Expertise zugeführt werden.
Bilder sind wichtig
Überhaupt wurde mit dem Eintritt des Augsburger Verlags der Rubikon überschritten: Von nun an ging es zügig mit den bis dato stockenden Arbeiten voran. Eine Ortschronik zu erstellen, ist anspruchsvoll und aufwändig. In Mering galt es, fast 40 Autoren zu koordinieren. Dutzende Quellenangaben mussten auf Plausibilität überprüft werden. Auch war die Suche nach geeigneten Illustrationen sehr aufwändig. Bilder sind jedoch äußerst wichtig, sagt Candida Sisto: „Wer die Chronik in die Hand nimmt, bleibt erst mal bei den Bildern hängen.”
Bücher sind das Revier der Projektkoordinatorin. Darum war sie froh über den Entschluss, dass die Meringer Chronik in analoger Form erscheinen sollte. Auf einen Knopfdruck, meint sie, könnten dieser Tage digitale Inhalte gelöscht werden: „Doch selbst in Zeiten, in denen bestimmte Bücher aus politischen Gründen nicht erwünscht sind, wird es nie gelingen, alle Exemplare eines Buchs aufzustöbern und zu vernichten.” Mit dieser Aussage taucht die Verlagsmitarbeiterin bereits tief in die Geschichte ein. Und zwar in eine besonders dunkle Epoche. Auch in der 15.000-Einwohner-Gemeinde Mering im Landkreis Aichach-Friedberg war es während der NS-Zeit sehr „dunkel” gewesen.
Wie funktioniert Geschichte?
Die Beschäftigung mit Ortschroniken wirft die spannende Frage auf, wie Geschichte eigentlich funktioniert. „Es gibt die These, dass sie vom Handeln einzelner großer Personen abhängt”, sagt die Lektorin. Sie selbst denkt dies nicht. Sie glaubt, dass der Verlauf der Geschichte maßgeblich von Individuen und – auch kleinen – Institutionen beeinflusst werden kann und beeinflusst wird.
Zu erfahren, wie Menschen in ihrer jeweiligen Zeit agierten, findet Sisto äußerst spannend. Da gibt es Leute, die negative Veränderungen riechen, lange, bevor diese allgemein spürbar werden. Weil sie ahnen, was bevorsteht, versuchen sie, gegenzusteuern. Andere treiben negative Entwicklungen bewusst mit voran. Wieder andere laufen einfach mit. Gerade, wie Mitläufertum meist endet, ist aus der Geschichte sattsam bekannt.
Buntes Vereinsleben
In Mering hat es sich gelohnt, so viel Fleiß und so viel Zeit in die Ortschronik investiert zu haben. Viele Menschen, ist Sisto überzeugt, werden aus der Chronik etwas für sich herausziehen können. Sie selbst findet die Vereinsgeschichte von Mering spannend. Wie bunt und lebendig das Vereinsleben in Mering einst war, könne in Zeiten pathologischer Einsamkeit junger Menschen zu denken geben. Überhaupt sind in ihren Augen historische Rückblicke während politisch turbulenter Phasen hilfreich: „In der Chronik kann man nachlesen, wie sich Menschen in ähnlichen Situationen früher verhalten haben.”
In Pfaffenhofen an der Roth war man insgesamt zwei Jahre lang damit beschäftigt, eine moderne Ortschronik zu erstellen. Die alte stammte aus dem Jahr 1982. Die neue erschien im vergangenen Jahr anlässlich des Jubiläums „550 Jahre Marktrecht”.
„Unsere neue Chronik ist reich bebildert, geht allerdings nicht so in die Tiefe”, erzählt Bürgermeister Sebastian Sparwasser. Bewusst hat man sich für einen Umfang von lediglich 150 Seiten entschieden. Die Chronik startet mit einem 40-seitigen „Run” durch die Historie, beginnend mit vorgeschichtlichen Funden. Die 15 Ortsteile werden beleuchtet. Mehrere Seiten apostrophieren das Dritte Reich. Auch auf die Heimatvertriebenen wird eingegangen. Im Mittelpunkt stehen Erzählungen von besonderen Personen und besonderen Ereignissen. Unvergesslich ist älteren Pfaffenhofern zum Beispiel der Besuch der Fußball-Nationalmannschaft von Barbados im Juli 1976.
Auch in Pfaffenhofen findet die Chronik guten Anklang. Tausend Exemplare wurden gedruckt. „Zwei Drittel sind schon weg”, freut sich Sebastian Sparwasser. Für zehn Euro kann jeder Interessierte die Chronik im Rathaus erwerben. Im Buchhandel gibt es sie nicht. Bei besonderen Jubiläen wird sie an Bürger verschenkt.
Nach den Beobachtungen des Bürgermeisters schätzen es Menschen in den aktuell turbulenten, von Unsicherheit geprägten Zeiten, in der lokalen Geschichte einen „Anker“ zu finden, an dem sie sich festhalten können. Gerade die Pfaffenhofener Chronik zeigt im Übrigen, dass Wandel geschichtlich betrachtet etwas absolut Selbstverständliches ist. „Bis zum Krieg waren wir ein Bauerndorf”, berichtet der Bürgermeister. Durch kriegerische Attacken kam es zu dramatischen Verlusten. Nach dem Krieg prägten etliche Heimatvertriebene den Ort. Pfaffenhofen so, wie es heute erscheint, ist ein Produkt der zahlreichen Eingemeindungen.
Was spielte sich einst in meiner Familie ab? Nicht zuletzt aus dieser Frage heraus, sagt Larissa Ramscheid, Stadtarchivarin von Neu-Ulm, resultiert das große Interesse an Ortschroniken. Larissa Ramscheid erarbeitete zwei Jahre lang mit einem Historiker und sieben Ehrenamtlichen die Ortschronik des Neu-Ulm Stadtteils Offenhausen. Im Dezember 2020 kam sie heraus. „Gerade an dieser Ortschronik haben wir gemerkt, wie hochemotional Familiengeschichten sein können“, sagt sie. Die Menschen interessiere weit mehr als nur ihr Stammbaum. Sie wollten wissen, wie ihre Vorfahren in den verschiedenen Epochen gelebt haben.
Offenhausen ist eine Siedlung von rund 7.000 Einwohnern. Im Zuge der Gebietsreform wurde das einstige Pfarrdorf eingemeindet. In der Chronik ist davon zu lesen. 500 Exemplare wurden gedruckt. Die Auflage war laut Larissa Ramscheid sofort vergriffen: „Dass der Wunsch danach, die Gemeinschaft in einer Chronik repräsentiert zu sehen, derart hoch ist, hat mich überrascht.“ Recherchiert wurde im Neu-Ulmer Archiv, im Staatsarchiv in Augsburg sowie im Hauptstaatsarchiv in München. Lebensereignisse der früheren Bewohner konnten zum Beispiel aus Meldekarten rekonstruiert werden.
Arbeitskreis installiert
In Feucht ging der Gedanke, einen Arbeitskreis zur Erstellung einer Ortschronik zu gründen, vom ehemaligen Gemeinderat Uwe Güntner aus. Kurz darauf wurde der AK vom damaligen Bürgermeister Konrad Rupprecht installiert. Bis heute gibt es ihn, mehr als 20 Bürgerinnen und Bürger kommen zu den zweimonatlichen Treffen. Zu den Hauptaufgaben gehörte von Anfang an die Befragung von Zeitzeugen. „Über 50 Zeitzeugen haben wir seit 1999 befragt, 45 von ihnen sind inzwischen gestorben, dieses Wissen wäre also, hätten wird es nicht festgehalten, für immer verloren gewesen“, sagt Güntner.
Eine Ortschronik zu erstellen, geht nur dann relativ zügig von der Hand, ziehen viele mit am Strang. In Feucht, wo man 2009 daranging, das bis dahin gesamte Material in eine Chronik einfließen zu lassen, wirkten etliche Bürger freiwillig mit. 2011 wurde das Werk veröffentlicht. Ausführlich wird das Dritte Reich beleuchtet. Beschäftigt man sich mit der NS-Zeit, sagt Güntner, sieht man, wie leicht man Menschen manipulieren kann. Dies macht die Auseinandersetzung mit der Geschichte für ihn wichtig. Man müsse dessen gewahr sein: „Jeder Mensch ist manipulierbar.“ Je leichter Falschnachrichten verbreitet werden können, umso höher sei die Manipulationsgefahr.
Pat Christ
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