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(GZ-20-2025 - 23. Oktober)
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Ratten, Regeln und andere Nagetiere

Die größte Geißel dieses Landes ist der überbordende Bürokratismus, da sind sich wohl alle einig. Entsprechend hitzig sind die Diskussionen, wenn es um Schuldzuweisungen geht.

Besonders beliebt ist der Fingerzeig Richtung des Monsters Brüssel, da sich die Europäische Union in eine Maschine verwandelt habe, die Vorschriften und Verbote mit einer Agenda als Kreuzung aus Kafka und Orwell produziert. Andere blicken nach Berlin oder München. Hin und wieder schaut man auch ins eigene Rathaus, in dem ein Beamter im Umweltamt besonders oft Zicken macht, wenn es um Baumfällungen geht oder wenn in Neubaugebieten kleinliche Vorgaben zu Dachneigungen, Farbgebung oder der Pflanzenauswahl gemacht werden. 

Wenn wie in Bayern durch die Modernisierungsgesetze oder die Vorgaben zum Abbau von Vorschriften manch wirklich sichtbare und spürbare Erfolge bei Bürokratieabbau erzielt werden, dann wird das für meinen Geschmack in der Öffentlichkeit bei weitem nicht genug beachtet, obwohl die Initiativen durchaus geeignet wären, die Stimmung im Lande zu verbessern. Im Gegenteil: Fast zu jeder beerdigten Regel findet sich ein Trauerredner, der den Verlust genau dieser Berichtsverpflichtung, dieser Dokumentationspflicht oder dieses Genehmigungsvorbehalts beklagt und negative Folgerungen an die Wand malt.

Denn eines ist ja klar – keine Regel, keine Vorschrift, keine Dokumentations- oder Berichtspflicht wurde je ohne Grund erlassen. Für alles, was in einem Gesetz, einer Verordnung, einer Verwaltungsvorschrift niedergelegt ist, gab es eine rationale Begründung. Es wurde reagiert – auf einen Missstand, auf eine Ungerechtigkeit, auf einen Mangel an Daten. Vor allem aber wurde darauf reagiert, dass wir es uns in unserer Gesellschaft gegenseitig nicht mehr zutrauen, vernünftig zu handeln, auch wenn uns keine Anordnung dazu zwingt.

Beispiel gefällig? Zur Zeit plant die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zusammen mit dem Umweltbundesamt nach dem Bericht einer uneingeschränkt seriösen Tageszeitung für Deutschland einschneidende Neuregelungen bei der Bekämpfung von Ratten und Mäusen. Hier soll nicht etwa erneut auf die seit Jahrtausenden erprobte Wunderwaffe „Katze“ gesetzt werden. Das ist auch gut so, denn ich kenne keinen Artgenossen, der sein Leben zwischen Dosenfutter und speziellen Katzen-Drinks für die Rückkehr auf die Straße als Mäusejäger aufgeben will.

Nein, den Schädlingen soll weiterhin mit Gift zu Leibe gerückt werden, aber für Privatpersonen soll der Gifteinsatz schlicht verboten werden und Landwirte müssen künftig eine einwöchige Schulung absolvieren, nur um weiter mit handelsüblichen Ratten- und Mäusegiften ihre Ernte schützen zu können. 

Gut, Gift ist Gift und man soll es nicht verwenden wie Brausepulver, aber ich kann nicht erkennen, wo aktuell das Problem sein soll. Die bisher nur oberflächlich geschulten Landwirte legen das Gift verantwortlich aus, weil sie ja nicht wollen, dass ihre Nutztiere, der Jagdhund oder die Häschen der Kinder zu Schaden kommen. Auch Privatpersonen scheinen bisher mit den Anwendungsempfehlungen des Fachhandels ganz gut zurecht gekommen zu sein, denn von Massensterben unter städtischen Haustieren hört man ja extrem selten.

Was wird die Folge der Neuregelung sein? Landwirte werden unter noch mehr Vorschriften begraben, professionelle Schädlingsvernichter werden die Aufträge von Privaten nicht mehr bewältigen können, die Preise drastisch anheben und lange Wartelisten vor sich hinschieben, die derzeitige Relation von drei bis vier Ratten pro Einwohner einer deutschen Stadt wird sich in Richtung 5:1 bewegen. Mehr lebensmittelverarbeitende Betriebe werden wegen Kotspuren Strafen zahlen müssen und es wird der dringende Appell an den Gesetzgeber laut, irgendeine Regelung zu erlassen, um der Schädlingsplage Herr zu werden. Das alles nur, weil jetzt irgendjemand glaubt, ein funktionierendes System verkomplizieren zu müssen.

Zeit über einen Satz des Kanadiers Laurence J. Peters nachzudenken: „Die Bürokratie verteidigt den Status Quo noch lange, nachdem das Quo seinen Status verloren hat.“

Ihr Pino

Pino

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