| (GZ-22-2025 - 20. November) | ||
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Es ist die Schule, wo man die ersten Buchstaben und wo man das Rechnen lernt. Bildung darf jedoch nicht an den Schulmauern aufhören. So hieß es unlängst im Landtag von Nordrhein-Westfalen. In Bayern tut es dies auch nicht. Viele Kommunen engagieren sich dafür, dass ihre Bürger, vom Neugeborenen und seinen Eltern bis hin zum betagten Senior, Bildungschancen erhalten. Besonders intensiv tun dies Städte und Landkreise in der 2012 vom Freistaat gestarteten Initiative „Bildungsregionen in Bayern“.
Die jüngsten Ergebnisse des IQB-Bildungsmonitors haben vor kurzem ziemlich überrascht. Der Untersuchung zufolge fielen die Kompetenzen von Neuntklässlern in Mathematik und Naturwissenschaften im Vergleich zu 2012 und 2018 auf einen Tiefstand zurück. Das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) fand dabei heraus, dass es gerade in Bayern immer noch stark vom Elternhaus abhängt, wie gut Schüler in der Schule abschneiden. Laut der Untersuchung erklärt allein in Mathe der soziale Status etwa 20 Prozent der Leistungsunterschiede. Das zeigt: Mehr Engagement für Bildung ist dringend notwendig. Bildungsregionen sind wichtiger denn je.
Vor über zehn Jahren fiel in Aschaffenburg die Entscheidung, „Bildungsregion“ werden zu wollen. Im Mai 2014 wurde die Kommune schließlich als erste unterfränkische Stadt mit dem entsprechenden Qualitätssiegel des Kultusministeriums ausgezeichnet. Verantwortlich für die Umsetzung aller Projektideen ist das städtische Bildungsbüro. „Wir haben eine Vielzahl von Projekten aufgebaut“, berichtet Oliver Theiß, der in Aschaffenburg für Sozialplanung und Statistik, aber auch für das Bildungsbüro zuständig ist.
Als besonders innovativ gilt die App „hallo aschaffenburg“. In 14 Sprachen schlägt der digitale Wegweiser eine Bahn durch den städtischen Angebotsdschungel. In Bezug auf den Bildungssektor wird zum Beispiel auf die Begabungspsychologische Beratungsstelle, das staatliche Schulamt sowie auf sämtliche Kitas und Jugendtreffs hingewiesen.
Eine Erfolgsstory ist für Theiß weiter das Projekt „Berufswegemesse inklusive“. Am 25. November findet es zum dritten Mal statt. Menschen mit Behinderung haben auf der Messe die Möglichkeit, sich über Berufswege zu informieren und Arbeitgeber kennen zu lernen.
Durch zahlreiche Lehrgänge für Fachkräfte sowie Angebote für Schulklassen werden laut Theiß jedes Jahr mindestens etwa 1.000 Menschen vom Bildungsbüro erreicht. Besetzt ist das Büro aktuell mit 2,5 Stellen. Der derzeitige Fokus liegt auf den Themen „Übergang Schule-Beruf“, Inklusion, Demokratiebildung sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).
Börse für Bildung
„Durch das Projekt ‚Sprachlotse‘ können wir seit zehn Jahren Kindern mit Migrationshintergrund in Schulen und Kitas mit speziell ausgebildeten Pädagogen beim Deutschlernen unterstützen“, berichtet Simon Kapfer, Pressesprecher von Donau-Ries. Der Landkreis darf sich seit Ende 2013 „Bildungsregion“ nennen. Ganz neu ist hier das Projekt „Bildungsbörse“. Dabei handelt es sich um eine Plattform, auf der sich Bürger, Unternehmen, Schulen und Kitas über außerschulische Bildungsangebote informieren können. „Die ‚Bildungsbörse‘ ist online, wird von den Bildungsakteuren jedoch jetzt erst befüllt“, erläutert Kapfer.
Donau-Ries fühlt sich in vielerlei Hinsicht in der Verantwortung, mit dazu beizutragen, dass das Bildungsniveau der Bürger erhöht wird. Dabei werden alle Einwohner, als auch ältere Jahrgänge, in den Blick genommen. Etwa und vor allem, wenn es um digitale Teilhabe geht. „Ehrenamtliche Digitallotsen erklären wohnortnah die digitale Welt“, so Kapfer. Zur Zielgruppe gehören Bürger mit Fragen zum Smartphone, Tablet oder zum Computer: „Inzwischen haben wir zirka 100 Digitallotsen in zwölf Kommunen.“
Seit der Landkreis frisch gebackenes Mitglied der vor 13 Jahren gestarteten Initiative „Bildungsregion“ wurde, hat sich in Donau-Ries eine Menge getan. Analog zu „Sprachcafés“ für Erwachsene führte die Kommune zum Beispiel „Sprachkakaos“ ein. Hier fördern ehrenamtliche Lernpaten Kinder im Kindergartenalter in Kleingruppen spielerisch an öffentlichen Orten. Vor allem Kinder, die keine Kita besuchen, sollen sprachlich gefördert werden. Ein „Sprachkakao“ dauert, je nach Alter der Kinder, zwischen 45 und 60 Minuten. Dabei wird nicht nur gelernt, sondern auch gespielt.
Von Kindheit an
Bildungsschranken zu überwinden, ist auch dem Landkreis Freyung-Grafenau ein Anliegen. Freyung-Grafenau erhielt das Gütesiegel „Bildungsregion” Ende Juli 2015 vom damaligen Kultusstaatssekretär Bernd Sibler. „Als ‘Bildungsregion in Bayern’ hat der Landkreis die nötigen Strukturen geschaffen, um junge Menschen von Kindheit an zu fördern und die Bildungs- und Teilhabechancen zu verbessern“, lobte der bei der publikumswirksam organisierten Siegelübergabe.
Auch in Freyung-Grafenau können sich Grund- und Mittelschulen aus einem Pool von Lese- und Sprachpaten bedienen. „Ziel ist es, Kinder sprachlich, persönlich und fürs Leben zu stärken”, erklärt Pressesprecher Christian Luckner. Im letzten Schuljahr waren 52 Paten im Einsatz. Sie begleiteten wöchentlich über 80 Kinder. Im laufenden Schuljahr sind sogar 70 Freiwillige aktiv, so der Pressesprecher. Dies sei ein starkes Signal für Bildungsgerechtigkeit. Die Paten helfen, Leseschwierigkeiten zu überwinden, außerdem vermitteln sie Freude an Büchern.
Auch in Freyung-Grafenau weiß man, dass Kinder aus Familien, die über beträchtliche Mittel verfügen, in der Schule meist viel erfolgreicher sind als arme Kinder. In reichen Familien ist es kein Problem, Nachhilfe auf höchstem Niveau zu organisieren. Arme Familien haben dafür keine größere Geldsumme zur Verfügung. Den Siegerlorbeer im Bildungssystem erhält also nicht zwingend der Klügste, sondern derjenige, der über den bestmöglichen Support verfügt. Eben vor diesem Hintergrund setzt sich auch Freyung-Grafenau für mehr Bildungsgerechtigkeit ein.
Mit Interesse und Vergnügen am Mathe- oder Geografieunterricht teilzunehmen, gelingt nur, wenn man den Kopf nicht voll von Problemen hat. Doch das haben zum Beispiel Kinder aus konfliktträchtigen Elternhäusern. Oder auch aus solchen, in denen es überaus streng zugeht.
Vielleicht mitunter sogar gewalttätig. Arme Kinder haben zudem zu Hause oft nicht einmal einen ruhigen Raum zum Lernen.
Jugendsozialarbeiter wollen gezielt jungen Menschen mit Problemen helfen. In Freyung-Grafenau kann außerdem an jedem Donnerstagnachmittag ein „Jugend-Telefon“ kontaktiert werden. Im Zeitalter multipler Krisen, so der Hintergrund dieses Projekts, steigen psychische Belastungen gerade bei jungen Menschen. Nicole Waschinger, pädagogische Expertin im Team der Kommunalen Jugendarbeit, bespricht mit den Teenies am Telefon anonym deren Sorgen und sucht mit ihnen nach Lösungen.
Bildung für Nachhaltigkeit
Angesichts einer immer heterogeneren Schülerschar können Schulen das, was sie leisten müssen, oft längst nicht mehr bieten, geschweige denn, dass sie alle Wünsche aus der Gesellschaft an Schule erfüllen könnten. Deshalb ist es wichtig, schulische Bildungsangebote durch außerschulische zu ergänzen. „Bei uns steht aktuell das Thema ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ im Mittelpunkt“, erklärt Sophie Linnert, Regionalmanagerin des 2014 mit dem Siegel „Bildungsregion“ ausgezeichneten Landkreises Nürnberger Land.
Im Nürnberger Land ist das Interesse an Bildung für nachhaltige Entwicklung groß. Das zeigt eine Onlineplattform, die gerade in Angriff genommen wird. Sie soll eine Übersicht über möglichst alle BNE-Angebote und Akteure bieten. Zielgruppen sind Bildungseinrichtungen, Vereine und Jugendgruppen mit Interesse an diesem Thema. Die Angebote können mit wenigen Klicks nach Altersklassen, Themen und Orten gefiltert werden.
Auch im Nürnberger Land stellt man sich die Frage, wie junge Menschen in schwierigen Situationen unterstützt werden können. „Wir haben viele Projekte, die benachteiligte Bevölkerungsschichten in den Mittelpunkt stellen”, erklärt Linnert. Auch behinderte Menschen werden berücksichtigt. So wurde im Nürnberger Land eine inklusive Streuobstwiese initiiert. Jedes Jahr finden darauf über 20 Veranstaltungen statt, bei denen sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigung begegnen können. Auch werden inklusive Workcamps für Jugendliche und junge Erwachsene angeboten, die sich im Übergang zwischen Schule, Ausbildung und Beruf befinden, erläutert die Pressesprecherin.
Als Reaktion auf die Lernschwierigkeiten vieler Kinder und Jugendlicher während der Corona-Krise wurde vor drei Jahren das Projekt „NachhliFEE“ ins Leben gerufen. Heute unterstützt die Initiative kostenfrei Schüler durch eine Eins-zu-eins-Betreuung, die während der Corona-Krise verursachten Lernrückstände aufzuholen. Auch hier geht es nicht zuletzt um junge Menschen, die das Schicksal haben, benachteiligt aufwachsen zu müssen. 130 „Feen” sind in diesem Schuljahr an 36 Schulen des Landkreises engagiert.
Stehen Praktika, der Beginn einer Ausbildung oder ein duales Studium ins Haus, sollen junge Menschen aus dem Landkreis wissen, an welche Unternehmen sie sich wenden können. Dieses Ziel verfolgt die Kommune in enger Zusammenarbeit mit Firmen im Nürnberger Land: „Das ist für uns von großer Bedeutung.” Die enge Verzahnung beginnt laut Sophie Linnert bereits im Landratsamt: „Die Wirtschaftsförderung ist in der gleichen Abteilung wie die Bildungsregion angesiedelt, die Büros liegen Tür an Tür.” Alle relevanten Akteure tauschen sich regelmäßig aus. Gemeinsam wird an dem Ziel gearbeitet, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Bildung findet nicht nur über Bücher statt. Menschen bilden sich vor allem auch durch positive praktische Erfahrungen. Diese Erkenntnis steckt hinter dem Projekt „4+1” des Nürnberger Lands. Schüler sind dabei über einen längeren Zeitraum, meist über drei Monate hinweg, jede Woche an einem festen Tag zum Praktizieren in einen Betrieb eingeladen. „Je nach Schule kann stattdessen auch ein mehrwöchiges Praktikum vereinbart werden”, so Linnert.
Medien gut nutzen
Vorbeugung ist bekanntlich immer besser als Reparatur im Nachhinein. Eben hier kann Bildung eine Menge leisten. Ein klassisches Thema von „Bildungsregionen“ ist daher der Medienschutz. Doreen Rottmann vom Bildungsbüro des Landkreises Coburg, ebenfalls „Bildungsregion“ sowie als einzige Region in Bayern für dieses Schuljahr als inklusive Region zertifiziert, zeigt auf, wie wichtig gerade bei diesem Thema eine gute Koordination ist.
Im System „Kommune” arbeiten allein am Thema „Medienschutz” eine Menge Akteure. Da sind die Jugendhilfe und die Jugendarbeit. Da sind die Schulen und die Jugendeinrichtungen. „Oftmals agieren wir hier als Mittler, Organisator, Wissensverteiler oder Konzeptgeber, aber nicht zwingend in der Umsetzung”, skizziert Rottmann die Aufgabe eines Bildungsbüros.
Eine gute Koordination ist in ihren Augen das A und O für eine positive Entwicklung in Sachen Bildung. „Die ‚Bildungsregion‘ betrachtet die jeweiligen Themen, eruiert Handlungsfelder, informiert die Politik, initiiert den Austausch der relevanten Akteure und unterstützt bei der Implementierung von Maßnahmen”, schildert sie. Die werden dann im besten Fall von den betreffenden Akteuren langfristig umgesetzt.
Pat Christ
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