Aus den Kommunenzurück

 
(GZ-22-2025 - 26. November)
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► Gemeinde Ismaning:

Zwischen Klimawandel, Wachstum und Wärmewende 

Presseclub München zu Gast bei Bürgermeister Dr. Alexander Greulich

Ismanings Bürgermeister Dr. Alexander Greulich stellte seinen Ort als prosperierende, zugleich stark geforderte Kommune im Münchner Norden vor: lebenswert und wirtschaftsstark – aber massiv belastet durch Klimawandel, Wohnungsdruck und steigende Anforderungen an die Daseinsvorsorge.

Eschentriebsterben

Die Isar-Auen, ein zentraler Naherholungsraum, sind stark vom Eschentriebsterben betroffen. Bis zu 95 % der Bestände müssen gefällt werden, teils per Helikopter, weil die Bäume trotz vitaler Krone kaum noch Wurzeln haben. Die Gemeinde steht unter erheblichem Haftungsdruck und setzt auf konsequente Dokumentation sowie auf klimaresiliente Mischpflanzungen. „Wer breit streut, fällt nicht“, lautet das neue Motto, um hitzetolerante, klimaresiliente Mischbestände zu etablieren. 

Wohnraumkrise

Mit rund 18.500 Einwohnern und ebenso vielen Arbeitsplätzen ist Ismaning Pendlerziel – und Wohnraum knapp. Bei Neubauten liegen die Mieten laut Greulich inzwischen bei rund 25 Euro pro Quadratmeter: „Das ist schlichtweg unverhältnismäßig.“ Die Gemeinde verfügt über etwa 460 eigene Wohnungen, vergeben nach sozialen Richtlinien mit Blick auf eine ausgewogene Durchmischung. Hinzu kommen rund 180 Einheiten, die über die Baugesellschaft München Land entstanden sind, für die Ismaning das Grundstück gestellt hat und Belegungsrechte hält. Dennoch reicht das Angebot nicht ansatzweise, um die Mietpreisspirale zu dämpfen.

Besonders deutlich wird das Problem am Beispiel geplanter Seniorenwohnungen: Gemeinsam mit der Regierung von Oberbayern und der Baugesellschaft war ein Projekt mit Fördermitteln des Freistaats (kommunale Wohnraumförderung) bis zur Genehmigungsplanung vorbereitet. Inzwischen sind die Förderprogramme ausgeschöpft, die Anforderungen an Baustandards treiben die Kosten auf 8.000 bis 10.000 Euro pro Quadratmeter Baukosten – trotz eigenen Grunds. Selbst mit Zuschüssen, Darlehen und 12 Euro Kaltmiete hätten nach Jahrzehnten noch zweistellige Millionenfehlbeträge gestanden. „Wie soll da bezahlbarer Wohnraum entstehen, wenn selbst Gemeinden bei solchen Rahmenbedingungen den Stecker ziehen müssen?“, fragt Greulich.

Fünf neue Kitas, ein umfangreich saniertes Gymnasium und ein breites Bildungsangebot prägen den Standort. Realschule, Waldorfschule, private Hochschulen und eine große Volkshochschule ergänzen das Spektrum. Die Musikschule mit 2.700 Schülern ist ein Aushängeschild, verursacht aber hohe Defizite. 

Planungen für eine dritte Grundschule stehen angesichts eines deutlichen Geburtenrückgangs in Bayern (von ca. 130.000 auf rund 100.000 Geburten jährlich) auf dem Prüfstand. Für künftige Schulbauten denkt die Gemeinde über alternative Modelle wie Mietkaufkonstruktionen oder eigene Kommunalunternehmen nach, um Investitionen zu stemmen, ohne die kommunalen Haushaltsgrenzen zu sprengen.

Ismaning zählt zwei Drittel Einpendler und fordert einen verlässlichen 10-Minuten-Takt der Flughafen-S-Bahn. Der geplante vierspurige Ausbau der B 471 kommt nicht voran. Positiv bewertet Greulich die verbesserte Busanbindung innerhalb des Landkreises. Steigende Mieten im Großraum München verstärken zugleich die Suburbanisierung und erhöhen die Verkehrsbelastung.

Hitzeschutz und Grünräume

Aufgrund zunehmender Hitzetage und höherer Sterblichkeit älterer Menschen entwickelt die Gemeinde ein digitales Warnsystem mit 20 Wärmesensoren. 

Frischluftschneisen und Parks bleiben bewusst freigehalten – auch gegen den Wunsch, dort zusätzliche Gebäude zu errichten.
Ismaning betreibt Strom-, Gas- und Wärmeversorgung selbst. Die Geothermie liefert über ein 70-km-Wärmenetz, gesteuert per Glasfaser. Das Glasfasernetz ist flächendeckend verfügbar und verpachtet. Ergänzend ist die Gemeinde an Wasserkraftwerken am Inn sowie an Windparks beteiligt und plant großflächige Freiflächen-Photovoltaik. Erweiterte Wasserkraftnutzung an Isar und Seebach scheitert bislang an fehlenden Zustimmungen und Pachtkonstellationen.

Sorgenkind Hallenbad

Ein Sorgenkind mit hoher Bedeutung für die Bevölkerung ist das Hallenbad: Mit einem jährlichen bereinigten Defizit im Millionenbereich ist es für viele Kommunen nicht mehr finanzierbar. Greulich verweist auf Schließungen in Nachbarkommunen und fordert mehr Unterstützung von Bund und Land, wenn der politische Anspruch lautet, dass alle Kinder schwimmen lernen sollen.

Mit rund 2.200 Unternehmen – darunter viele Medienbetriebe – zählt Ismaning zu den gewerbesteuerstarken Kommunen im Landkreis München. Die Sicherheitslage ist sehr gut, auch dank eigener Polizeiinspektion. Im sozialen und kulturellen Bereich prägen über 100 Vereine, ein stark genutztes Seniorenhaus und zahlreiche Veranstaltungen das Ortsleben.

Ismaning präsentiert sich als Beispielkommune im nördlichen Speckgürtel Münchens: wirtschaftsstark, mit breit ausgebauter Bildungs- und Betreuungslandschaft, ehrgeiziger kommunaler Energie- und Wärmewende, aber auch mit allen Begleitproblemen von Klimawandel, Wohnungsnot, Fachkräftemangel, leer laufenden Förderprogrammen und wachsender Verantwortung in der Daseinsvorsorge. 

CH

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